Grenzenlose Datenbegeisterung

28. September 2011

Es gibt Sachen, die jeder weiss: Atheisten haben keine moralischen Werte, weil ihnen der Glaube fehlt, und Datenschützer sind grundsätzlich hysterisch.

Manchmal empfinde ich Sascha Lobo als erfrischend, und manchmal einfach als langweilig. In seiner letzten Kolumne gibt es diesmal leider weder etwas gescheites, noch etwas neues. Da werden vom hohen Ross herunter nicht nur die altbewährten Interneterklärerparolen verkündet, sondern auch Vorurteile bedient und Wichtiges unterschlagen.

„Dabei ist die Teilnahme an Facebook noch immer freiwillig […]“

Die Freiwilligkeit von Diensten wie Facebook ist das zentrale Argument in Lobos Artikel. Aber jeder, der Gruppendynamik buchstabieren kann, sollte wissen, dass z.B. Jugendliche vieles tun, weil es eben cool ist und alle ihre Freunde es tun. Als einziger in der Klasse ohne Facebook-Account fühlt man sich eben ziemlich alleine und ist es auch. Im Büro bei den großen Kindern ist das nichts anderes.

Kleiner Tipp übrigens: Wenn es um Neue Medien und Internet geht, lässt man Vergleiche am besten gleich ganz bleiben. Das geht garantiert in die Hose:

Dabei ist es nicht neu, dass scheinbar intime Daten veröffentlicht werden. Im Schwarzwald trugen Frauen seit 1750 Bollenhüte; […]

Was dieses Beispiel belegen soll, bleibt mir schleierhaft. Das Internet ist nicht der Schwarzwald, geschweige denn ein bayerisches Bergdorf. Schon komisch, derlei muss sonst immer als Beispiel dafür herhalten, wenn es um Orte geht, wo jeder mit einem alternativen Lebenswandel spätestens nach Erreichen der Volljährigkeit verzweifelt flüchtet, um in der nächsten größeren Stadt in der Toleranz der Anonymität sein Glück zu suchen.

Datenschutz geht in Deutschland von der antiquierten Haltung aus, der Nutzer sei ein dummes Schaf, […]

Freilich, würde ich mich den ganzen Tag in der hippen Berliner Geilomat-Szene rumtreiben, und mich als neomanische Postprivacy-Kunstfigur inszenieren, könnte ich zu dieser Meinung kommen. Vielleicht sollte ich zwischendurch aber auch mal den Kopf aus meinem Wohlfühlgrießbrei rausstecken und gucken, was sonst noch so läuft ausserhalb meiner Peer Group und auf welche Arten und Weisen Menschen manipuliert werden.

Würden Datenschützer Verkehrspolitik machen, wären Straßen umzäunt und Autos verboten.

Das soll wohl irgendwie kernig klingen, damit die Drittverwerter zitierfähiges Material haben. Und damit sich die Datenschützer so richtig echauffieren können, die Spielverderber. Ansonsten kann ich an umzäunten Straßen und strikten Zugangsregelungen für Autos erstmal nichts Schlechtes finden, sicherer wärs allemal.

Datenschutz in Zeiten der Datenbegeisterung muss mehr auf Transparenz und Nutzerkontrolle abzielen als auf Verbote und innovationsfeindliche Pauschalregeln.

Das wäre die Chance gewesen, in dem Text nochmal ein paar kritische Töne hörbar zu machen. Sauber vergeigt muss ich sagen – das ist relativistisches Wischiwaschi. Eben noch das Hohelied der Marktwirtschaft schmettern und dann von Transparenz reden…

Die Grenzen bestimmt für erwachsene Nutzer kein Bundesbeauftragter, sondern die datenbegeisterte Öffentlichkeit.

Meine persönlichen Grenzen bestimmt also netterweise die datenbegeisterte Öffentlichkeit? Da hält sich meine Datenbegeisterung aber eher in Grenzen.

Naja, mit den Datenschützern und diesem Social Web ist es eben so ähnlich wie mit den Atheisten und der Kirche. Der Atheist wird von vornherein nicht als gleichwertiger Partner anerkannt, weil er eben nicht „erleuchtet“ sei, und deswegen gar nicht mitreden könne. Dass das Wirken der Kirche aber auch ihn betreffen kann, obwohl er kein Teil von ihr ist, spielt anscheinend keine Rolle.

Schon bald wird alles öffentlich sein, was nicht explizit als privat gekennzeichnet wurde – public by default.

Das klingt für mich eher wie eine Drohung. Aber ich hab halt auch keine Ahnung.


Unisono – cui bono?

23. November 2010

Gleiches Ziel – zweiter Versuch.

Während Innenminister Schäuble noch probierte, durch eine Politik des steten Tropfens, also der ständigen Beschwörung einer Terrorgefahr, quasi durch Desensibilisierung, den Boden für eine radikale Sicherheitsgesetzgebung zu bereiten, inszenierte sich Innenminister De Maziere bislang als besonnener Vertreter seiner Zunft. Nach langer Pause macht er nun doch endlich den lange erwarteten Vorstoß, der gerade durch die Ruhe davor um so mehr an Wirkung entfaltet.

Und alle stimmen mit ein. Die Gefahr von Anschlägen ist wieder einmal noch höher als vorher. Persil wäscht jetzt noch weißer. Ist die Gefahr nun noch konkreter oder noch abstrakter? Die Experten streiten sich noch. Überall wird polizeilich aufgerüstet, so dass sich auch der Normalbürger der Dynamik kaum entziehen kann. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung, aber halten sie Fenster und Türen geschlossen.

Seufz. Ich könnte jetzt davon schreiben, dass ein Ziel von Terrorismus ist, Angst und Schrecken zu verbreiten, und wie paradox es ist, wenn die Regierung und die Medien jetzt die Rolle der Terroristen übernehmen und eine solche Panikmache veranstalten. Und ich könnte davon schreiben, dass uns seit 10 Jahren nahezu ohne Unterbrechung eine Terrorgefahr suggeriert wird, für deren Existenz es – bis auf die Blindgänger von der Sauerlandgruppe – nicht einen Beweis gegeben hat. Und ich könnte davon schreiben, welche und wie unglaublich viele real existierende Gefahren es im Alltag gibt, die tatsächlich jeden bedrohen, ganz konkret. Und ich könnte davon schreiben, dass wir anscheinend keine schärfere Gesetzgebung brauchen, wenn es nicht einen Fall gibt, dessen Verfolgung aufgrund der bisherigen Gesetze nicht möglich war. Und ich könnte davon schreiben, dass das alles aussieht wie ein abgekartetes Spiel.

Aber es ist eine Binsenweisheit, dass es in der Politik nicht mit Logik oder Vernunft zugeht. Deswegen hat es auch keinen Sinn zu argumentieren. Argumente sind endgültig und anscheinend unwiederbringlich aus der Politik verschwunden.


Aufregividerm

23. Oktober 2009

Hehe, die Welt ist wirklich schlecht. Bin ich doch auch gleich, nachdem ich die Sendung über das „verhinderte“ Neurodermitis-Medikament Regividerm am Montag gesehen hatte, durch die Weltgeschichte gerannt, um jedem, der es nicht oder doch wissen wollte, davon zu erzählen, was die bösen Pharmakonzerne wieder für eine Scheisse angerichtet haben.

Nun entpuppt sich die ganze Chose als PR-Nummer, und es ist der Hammer: ich schäme mich, fühle mich bestätigt, bin erleichtert und traurig, aber böse und desillusioniert – alles gleichzeitig. Warum ich mich schäme, brauche ich wohl nicht weiter zu erklären. Bestätigt fühle ich mich praktischerweise gleich dreifach: Erstens weil die Pharmakonzerne tatsächlich böse sind – da kann auch die Falschheit der Geschichte nichts dran ändern. Zweitens weil man dem Fernsehen und den doofen Journalisten schon lange nicht mehr über den Weg trauen kann. Und drittens weil die Geschichte einfach zu gut in mein Weltbild gepasst hat, um wahr zu sein. Erleichtert bin ich, dass die Geschichte nicht stimmt, das Medikament also nicht unterdrückt wurde. Traurig bin ich aber nun, weil es damit nun auch kein Medikament gibt, das den armen Betroffenen hilft. Böse bin ich auf die Beteiligten, die so schamlos meine Gefühlswelt ausgenutzt haben, nur um Werbung für ihren Mist zu machen. Desillusioniert war ich – ehrlich gesagt – schon vorher, aber, so wie es scheint, ist das noch steigerbar.

Was mache ich morgen, wenn herauskommt, dass der aktuelle Vorwurf  „PR-Kampagne“ nur ein weiterer Versuch der Pharmaindustrie ist, Regividerm vom Markt zu halten?!


PiPa(Ki)Po

8. Juli 2009

Folgender Satz wurde tatsächlich von einem Menschen gesagt: „Wir können es doch als Gesellschaft nicht hinnehmen, das – so wie es die Piratenpartei fordert- Jugendliche und Erwachsene ungehindert Zugang zu Kinderpornos im Internet haben können, nur weil diese vom Ausland aus angeboten werden.“

Dieser Mensch nennt sich Sascha Raabe (SPD). Da müssen wir aber ma echt aufpassen, dass diese Piraten nich in den Bundestach kommen. Sonst wird am Ende noch Kinderporno kucken zur Pflicht.

Ich weiss, damit macht man keine Scherze, aber der hat angefangen…

(via)


Sommerloch

7. Juli 2009

Das Familienministerium stampft mit dem Fuss auf und bleibt bei seinen Auffassungen zum Thema Kinderpornographie. In meinen Augen ist das alles Propaganda.

Der Duden sagt: „Pro|pa|gan|da […] 1. systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o.ä. Ideen u. Meinungen [mit massiven (publizistischen) Mitteln] mit dem Ziel, das allgemeine [politische] Bewusstsein in bestimmter Weise zu beinflussen. […]“

Ich würde dem noch hinzufügen: „auf Un- und Halbwahrheiten basierende, systematische Verbreitung politischer…“

Ich erwische mich auch immer noch wieder dabei, dass ich denke: „… die haben doch gar keine Argumente!“ oder „… das stimmt doch alles gar nicht, was die erzählen!“ oder „… können die das denn nicht einsehen?“

Aber es geht eben nicht um Diskurs oder darum, wer die plausibleren Argumente hat. Es geht ja nicht mal mehr darum, was die Umfragen sagen. Und wozu braucht man denn noch ein Parlament, wenn da sowieso keiner mehr redet?

Das ist unser Land. Ihr dürft das nur regieren, weil wir dachten, dass Ihr das besser könnt als wir, weil Ihr da mehr von versteht. Und Ihr könntet das auch, wenn Ihr nur wolltet, aber Ihr wollt ja nicht…