Politisch inkonkret

30. Dezember 2010

Jeder hat eine Vorstellung davon, was „politisch korrekt“ bedeutet. Ist dies doch ein strapazierter und in die Jahre gekommenen Kampfbegriff.
Er beruht auf der gleichen seltsamen Wirkungsweise wie „Gutmensch“. „Politische Korrektheit“ muss sich derjenige als Vorwurf gefallen lassen, der in den Augen der Kritiker zu viel Rücksicht auf politische Empfindlichkeiten nimmt mit dem, was er sagt. Dumm nur, dass das, was politisch gerade Mainstream ist, sich hin und wieder auch mal ändert. Sicherlich gab es mal eine Zeit, in der viel Rücksicht (auch sprachliche) auf Frauen, Ausländer, Arme und andere Randgruppen genommen wurde. Ist das nicht aber lange schon vorbei?

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Ergebnisoffene Systeme

10. Juli 2009

Der Bundesrat hat heute das Gesetz zur Sperrung von Internetseiten abgenickt. Und damit uns nicht bange wird, erklärt uns Heinrich Wefing von der Zeit, dass das alles gar nicht so schlimm ist, wie die Kritiker der Internetsperren immer behaupten. Wir leben hier in der Bundesrepublik schließlich in einem „offenen System“. Und das stimmt, da gebe ich ihm sogar recht. Die Bundesrepublik ist ein „offenes System“, und zwar noch genau bis zum 1. August. Dann tritt das Gesetz in Kraft.

Na gut, wollen wir mal nicht so griesgrämig sein. Die Befugnisse sind ja beim BKA auch gut aufgehoben: „Das Bundeskriminalamt geht von «einigen 1000 Domains» aus, die zu sperren sind. Bis zu 200 neue Seiten würden schätzungsweise pro Woche dazukommen.“ Da bin ich doch beruhigt, dass die sich da endlich drum kümmern. Die beim BKA haben da eben auch die richtigen Leute für.


Piraten!

8. Juli 2009

Sicherlich denke ich beim Wort „Piraten“ auch zuerst an „Fluch der Karibik“ oder „Pippi Langstrumpf“ oder so etwas. Und sicherlich ist es auch vollkommen kleinkariert, an dem Namen der „Piratenpartei“ herumzukritisieren. Und ja klar, ist der Name griffig und leicht zu merken.

Aber trotzdem mag ich den Namen nicht. Ich möchte kein „Pirat“ sein. „Piraten“ sind Gesetzlose. Und irgendwie finde ich den Namen auch albern. Damit kann man zwar prima alte Omas erschrecken, aber aus dem Alter bin ich jetzt auch schon lange raus.

Im Ursprung entstand der Name der schwedischen Piratenpartei, abgesehen von der Verbindung zu thepiratebay.org, doch vor allem aus der Zuschreibung durch die Etablierten, d.h. die Musikindustrie, die Politiker, die Presse. Nach dem Motto: „Wenn ihr uns Piraten nennt, dann nennen wir uns auch so.“ Aber hier in Deutschland gibt es diese Tradition einfach nicht wie in Schweden.

Aber das wichtige ist: Es geht dieser Partei entgegen aller Darstellungen eben nicht ums Randalieren, sie repräsentiert keine extremistische Weltanschauung. Sie ist im Moment die einzige Partei mit genügend Kompetenz in Sachen Neue Medien und ausreichend Feingefühl für Bürgerrechte.

Ich weiss nicht, was daran verbrecherisch sein soll.

Wie kam ich überhaupt drauf? Ach ja, der NSFW-Podcast Episode 3!


Sommerloch

7. Juli 2009

Das Familienministerium stampft mit dem Fuss auf und bleibt bei seinen Auffassungen zum Thema Kinderpornographie. In meinen Augen ist das alles Propaganda.

Der Duden sagt: „Pro|pa|gan|da […] 1. systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o.ä. Ideen u. Meinungen [mit massiven (publizistischen) Mitteln] mit dem Ziel, das allgemeine [politische] Bewusstsein in bestimmter Weise zu beinflussen. […]“

Ich würde dem noch hinzufügen: „auf Un- und Halbwahrheiten basierende, systematische Verbreitung politischer…“

Ich erwische mich auch immer noch wieder dabei, dass ich denke: „… die haben doch gar keine Argumente!“ oder „… das stimmt doch alles gar nicht, was die erzählen!“ oder „… können die das denn nicht einsehen?“

Aber es geht eben nicht um Diskurs oder darum, wer die plausibleren Argumente hat. Es geht ja nicht mal mehr darum, was die Umfragen sagen. Und wozu braucht man denn noch ein Parlament, wenn da sowieso keiner mehr redet?

Das ist unser Land. Ihr dürft das nur regieren, weil wir dachten, dass Ihr das besser könnt als wir, weil Ihr da mehr von versteht. Und Ihr könntet das auch, wenn Ihr nur wolltet, aber Ihr wollt ja nicht…


Pi/rat/los

22. Juni 2009

Gerade noch rechtzeitig bei Fefe mitbekommen, dass auf Phoenix die Piratenpartei bei „Unter den Linden“ zu Gast ist. Zur Qualität der Diskussion brauche ich hier glaube ich nix zu sagen, da werden Äppel mit Birnen zu einem homogenen Brei püriert, bis die Schwarte kracht.

Von der Piratenpartei war der Vorsitzende Dirk Hillbrecht da, von der CDU Rupert Scholz, der ist nun auch schon 72, gilt aber wahrscheinlich als deren Experte für neue Medien. Ich lach mich tot. Der Hillbrecht hat sich eigentlich gar nicht so schlecht geschlagen, aber wenn man vom Moderator ständig unterbrochen wird und der einen behandelt, als wäre man jemand von der NPD, dann ist es eben fast unmöglich die doch leider etwas komplexeren Argumente rüberzubringen. Seit wann haben Argumente überhaupt etwas in einer politischen Diskussion verloren? Naja. Da prallen eben Generationen aufeinander.

Traurig aber wahr. Wir müssen uns alle mit dem Gedanken abfinden: Wir werden in 40 Jahren genauso vor der Generation unser Kinder sitzen und geistig genauso immobil sein wie die beiden Nixblicker da vorhin. Hoffentlich sind wir dann etwas höflicher und lassen die Kinder wenigstens ausreden. Ganz großartig wäre aber, wenn wir am Ende zugeben könnten, dass wir trotz all der Mühe, die wir uns die ganzen Jahre gegeben haben, das Thema doch immer noch nicht restlos verstehen…


Die Doofen sehen alle aus, als ob sie Emma hiessen…

21. Juni 2009

Jetzt haben wir es schriftlich: Die Regierung und die Parteien in diesem Land verstehen uns nicht und wollen uns nicht verstehen. Das Internet macht ihnen Angst und dient ihres Wissens allenfalls dazu, etwas bei Amazon zu kaufen oder bei Ebay zu ersteigern. Dass man mit dem Internet auch vollkommen andere Sachen machen kann und dass es sogar Leute gibt, die ganz andere Sachen damit tun, haben sie nicht im geringsten auf der Rechnung.

Nur so kann man sich als netzaffiner User Machwerke wie diesen Emma-Artikel erklären, der wirklich sehr gut die Geisteshaltung von Menschen widerspiegelt, die einerseits die Moral auf ihrer Seite wissen und sich zu Recht im Recht fühlen, andererseits aus dieser Überlegenheit jedoch schlussfolgern, dass man über ein solches Thema nicht einmal ansatzweise diskutieren müsse. Denn mit Leuten, die das Thema Kindesmissbrauch locker sähen, müsse man sich nicht an den gleichen Tisch setzen.

Das ist nun der kleine Triumph der netzfernen Schichten, in einer Diskussion über das Internet endlich mal eine starke Meinung vertreten zu können. Normalerweise sind diese Themen ja doch viel zu technisch, als dass man da wirklich selbstsicher mitreden könnte. Aber hier könne es ja schliesslich keine zwei Meinungen geben.

Dass die Autorin des Emma-Artikels sich dann aber im Rausch ihrer eigenen Herrlichkeit zu Aussagen versteigt wie: „Auf CCC-Mitglieder, die ihre Computerkenntnisse nutzen, um Anbietern von Kinderpornos das Handwerk zu legen, wartet man dagegen vergebens.“ oder: „Dürfen wir demnächst mit einer Petition von Franziska Heine, der ‚Jeanne d’Arc des Internets‘, für eine Aufstockung der  finanziellen und personellen Mittel des BKA zur Verfolgung von Kinderpornografie rechnen?“

Schäme Dich, Emma! Das ist wirklich zum Kotzen!


Juhurnalismus

29. April 2009

Holgi bringts mal echt auf den Punkt:

„Das Problem des deutschen Journalismus ist seine Arroganz. Die rührt aus einer Zeit, in der es den Menschen noch nicht so leicht gefallen ist, Sachverhalte selbst zu überprüfen, so dass die Journalisten sich – seinerzeit zurecht – für diejenigen halten konnten, die den Massen die Welt erklären.
Wenn man einen solchen herausgehobenen, wichtigen Status hat und zu allem Überfluss auch noch fast unangreifbar ist, weil man neben den Nachrichten auch noch die Verbreitungswege kontrolliert, wird man leicht nachlässig und noch leichter dünkelhaft.
Nachlässigkeit und Dünkel scheinen sich in die heutige Journalistenausbildung und damit die Einstellung der Journalisten gerettet zu haben – und so schreiben und senden Heerscharen von vermeintlichen Nachrichtenprofis halbgare Dinge, die ihnen dann von Laien oder Fachleuten auseinandergepflückt werden, worauf die Profis dann pikiert und hochnäsig reagieren, anstatt dankbar zu sein, dass jemand mit mehr Sachverstand ein paar Dinge erklärt. Falls sie überhaupt reagieren.
Und dann wundern sie sich, warum sie keiner leiden kann.“